Nacht zum Montag, dem 19.11.
Ich kann nicht schlafen. Mein Wecker klingelt um 5:20 Uhr. Noch zwei Stunden. Die berühmt-berüchtigte Wolfsstunde. Mal wieder. Ich wälze mich auf die linke Seite, ich wälze mich auf die rechte. Ich liege auf dem Rücken. Ich zähle Schafe. Die Schäfchen vermehren sich und springen in alle Richtungen und ich höre auf, weil ich dieses Durcheinander nicht ertrage. Erinnert mich an Schulhof. Nicht gut zum Einschlafen. Ich schließe wieder die Augen und zelebriere progressive Muskelentspannung. Es entspannt sich gar nichts. Ich sage das Alphabet erst vorwärts, dann rückwärts auf. Auch nicht gut. Das Alphabet erscheint vor meinem inneren Auge in leuchtendem Rot, neben den Buchstaben kleine Häkchen und Fragezeichen und Plus- und Minuspunkte, es formt sich das Wort Klassenarbeit – ich reiße die Augen auf und starre ins Dunkel. Mein Mann neben mir schnarcht leise.
Nacht zum Montag, dem 19.11.
Ich kann nicht schlafen. Mein Wecker klingelt um 5:20 Uhr. Noch zwei Stunden. Die berühmt-berüchtigte Wolfsstunde. Mal wieder. Ich wälze mich auf die linke Seite, ich wälze mich auf die rechte. Ich liege auf dem Rücken. Ich zähle Schafe. Die Schäfchen vermehren sich und springen in alle Richtungen und ich höre auf, weil ich dieses Durcheinander nicht ertrage. Erinnert mich an Schulhof. Nicht gut zum Einschlafen. Ich schließe wieder die Augen und zelebriere progressive Muskelentspannung. Es entspannt sich gar nichts. Ich sage das Alphabet erst vorwärts, dann rückwärts auf. Auch nicht gut. Das Alphabet erscheint vor meinem inneren Auge in leuchtendem Rot, neben den Buchstaben kleine Häkchen und Fragezeichen und Plus- und Minuspunkte, es formt sich das Wort Klassenarbeit – ich reiße die Augen auf und starre ins Dunkel. Mein Mann neben mir schnarcht leise.
Nacht zum Dienstag, dem 20.11.
Mein schnarchender Mann ist wieder unterwegs. Er bringt den Segen der Wirtschaftlichkeit und Effektivität in Krankenhäuser und Arztpraxen des Ostens, der endlich auch richtig Westen sein will. Noch östlicher als unser Osten. Dort ist man begeistert. Die kennen uns noch nicht. Was man so Defätistisches denkt schlaflos in der Nacht … Ich horche in das Haus hinein. Nachts hört man das Alleinsein besonders deutlich. Jedes Mäuserascheln wird zum Einbrecher. Oder Mörder. Drei Uhr zwanzig. Ich stehe entschlossen auf und gehe hinunter in die Küche. Die Katze streift mir freudig um die Beine. Sie erwartet Futter. Ich werde mir einen Tee machen. Johanniskraut und Lavendel stehen zur Auswahl. Lavendel riecht besser. Ich bin inkonsequent und schütte der Katze Futter in ihr Schüsselchen.
Nacht zum Dienstag, dem 04.12.
Ich kann seit Wochen nicht schlafen. Weder mit noch ohne Mann. Die übliche Prozedur: Zählen. PME. Wälzen. Selbstsuggestion: Ich bin ganz entspannt und ruhig, ich schlafe. Gleich schlafe ich. Gleich. Jetzt aber. Na los. Ich schlafe jetzt! Doch nicht. Wieder wälzen. Aufstehen, Tee kochen. Abwechselnd Baldrian, Lavendel, Melisse, Kamille, Pfefferminze, Hopfen, Johanniskraut, Teesorten mit den vielversprechenden Namen „Abendstille“, „Gute Nacht“, „Süße Träume“. Treffender wäre „Volle Blase“.
Eine Kollegin empfahl heiße Milch mit Honig. Ich schaute entsetzt. Kuhmilch? Wer trinkt denn heutzutage noch Kuhmilch? Das gesammelte Böse. Meine um meine Gesundheit besorgte Tochter würde mich bei nächster Gelegenheit maßregeln und zurechtweisen. Die Kollegin verdrehte die Augen. Triptophan, sagte sie, das wisse ich doch, Triptophan mache Serotonin, Serotonin bringe Schlaf. Ich könne auch Sojabohnen, Cashewnüsse, Walnüsse, Bananen oder Schokolade essen. Ganz meine Entscheidung. Dem widerspricht allerdings mein bereits vorhandenes Bauchfett, das sich merkwürdigerweise auch in der Körperregion, wo sich eigentlich meine Taille befinden sollte, angelagert hat. Aber ich will schlafen. Fett sein oder schlafen? Definitiv erst einmal fett sein. Ich bereite mir Soja-Milch mit Honig zu und begebe mich aufs Sofa. Die Katze ist dabei. Es hat etwas für sich, im sanften Schimmer der Leselampe auf dem Sofa zu liegen und die heiße, süße Flüssigkeit langsam zu schlürfen. Ein Buch zu lesen oder durch die Internetwelt zu streifen. Alles ist sehr still. Nofretete schnurrt leise. Ich genieße es. Bald wird sie wieder hinaus wollen. Und dann wieder herein. Und erneut hinaus. Eine Katze eben. Auf der anderen Straßenseite sehe ich stets zwei weitere erleuchtete Fenster – wer sind die Menschen dahinter? Schlaflose wie ich?
Donnerstag, 13.12.
Ich habe beschlossen einen Blog zu schreiben. Bei meinen nächtlichen Streifzügen durch das Netz bin ich auf eine aberwitzige Zahl solcher Texte gestoßen. Man bloggt über alles, angefangen von der Beschreibung der jeweiligen neu erstandenen Schuhe über Kocherfahrungen oder die Gestaltung des Gartens bis zu Erlebnissen beim Windeln. Ich könnte Wechseljahre beisteuern – und Schlaflosigkeit. Oder meine Abneigung gegen das unvermeidliche frühe Aufstehen – ein Leidensthema. Ein Albtraum. All die Jahre: Jeden Morgen, Feiertage ausgenommen, klingelt der Wecker. Jeden Morgen, Feiertage ausgenommen, dieser Akt der Grausamkeit, der mich zerreißt. Wie in einem Film sehe ich mich benommen ins Bad wanken, während mein wahres Ich sich unter der Daunendecke verkriecht. Der pflichtbewusste Verräterteil meiner Persönlichkeit stellt sich im Bad unter die kalte Dusche und macht all das, was man seinem Körper morgens antut. Der Teil von mir, der sich eigentlich noch im Bett unter der Decke versteckt, folgt widerwillig dem geduschten, gekämmten und geschminkten in die Küche und siegt zumindest in punkto Maulfaulheit. Ich bin nunmehr ganzheitlich anwesend, aber nicht ansprechbar. Das bleibt so, bis die Schulklingel wie bei einem Pawlowschen Reflex die Aktivierung meines Zygomaticus Major auslöst. Der Orbicularis Oculi bleibt eher unbeteiligt, sodass mein Lächeln ziemlich gequält aussehen muss. Aber meine Schüler nehmen um diese Zeit die Informationen über Photosynthese oder Blutkreislauf ohnehin nicht wahr – mit oder ohne echtes Lächeln ihrer Bio-Lehrerin, völlig egal. Es geht ihnen wie mir.
Mein frühes Aufstehen war immer Resultat von Zwang. In der Zeit, als ich geboren wurde, hielt man das Schreien von Säuglingen für lungenkräftigend, das Nachgeben für erziehungstechnisch äußerst bedenklich und eine Verzögerung des vorgegebenen Vier-Stunden-Fütterungsrhythmus für ungesund. Wenn die Zeit heran war, wurde das Kind – in konkreten Fall ich - eben geweckt. Es folgten Kinderkrippe, Kindergarten, Schule, Studium, Beruf – stets mit derselben widernatürlichen Forderung, des Morgens bereits mit den lästig krakeelenden Vögeln oder winters ohne sie in den Aktivitätsmodus zu schalten. Auch in den Ferien hätten meine Eltern die Abwesenheit am morgendlichen Familienfrühstückstisch niemals geduldet. „Langes Schlafen verweichlicht und weckt unsittliche Gedanken!“ – eine Aussage meines ostpreußischen Vaters, die mir genauso im Gedächtnis klebt wie sein kryptischer Mathematiklehrer-Satz: „99 % der Mathematik sind Vorzeichen!“ Lange schlafen zu dürfen war für mich der Inbegriff von Freiheit, ich musste es erst wieder erlernen, als ich die Chance dazu hatte. Und nun gesellt sich zu diesem äußeren Druck, der mich am Ausschlafen hindert, auch noch die eigene Unfähigkeit einzuschlafen …
Vielleicht nenne ich meinen Blog „Schlaflos in Kleinröbau“? Ich brauchte nur jemanden, der mich in der Technik unterweist.
Dienstag, 18.12.
Ich verlasse nachts das Haus. Es ist gut auszuhalten auf unserem Sofa mit Nofretete zu meinen Füßen, aber genau wie sie erfasst mich nach einer Weile, meist gegen drei, eine unbestimmte Unruhe, ein Drang nach Bewegung. Ob das das berüchtigte Restless-Legs-Syndrom ist? Altern ist etwas sehr Unerfreuliches. Oder ist es einfach diese Nachtstunde, in der die Hormone Pausenhof spielen? Ich gehe also spazieren, was soll ich mich herumquälen.
Sonntag, 04.01.
Der Dezember ist vorbei. Die Feiertage sind vorbei. Die Ferien sind zu Ende. Ich habe sehr darauf geachtet, dass diese Zeit entspannend wird. Keine Korrekturen. Die Weihnachtstage bei den Schwiegereltern, die uns unablässig mit Nahrung versorgten, ein wohltuender, nicht abreißender Strom von Gebäck und Fleisch und Beilagen. Unser Kind, frisch gebackene Ingenieurin mit unbefristetem Arbeitsvertrag, betrachtete mich die ganze Zeit verstohlen und konstatierte schließlich, ich fräße wie eine siebenköpfige Raupe. Ich war etwas vergnatzt ob der Wortwahl, aber sie hat Recht. Ich esse die ganze Zeit. Ich habe ständig Appetit. Ein Symptom der Wechseljahre? Meine Schwiegermutter fragte mich vorsichtig, ob ich vielleicht schwanger sei, ich wäre deutlich rundlicher. Natürlich kann man mit 48 noch schwanger werden, noch geht es. Aber wovon? Wann hatten wir das letzte Mal Sex? Es muss Anfang November gewesen sein, bevor das Zeitalter der Dienstreisen begann. Jetzt ist mein Mann fast jede Woche unterwegs, meist steigt er am Sonntag oder Montag in einen Flieger und kommt am Freitag spätabends zurück, um nach einem Absacker bis zum Samstagmittag zu schlafen, wie ein Stein, von mir neidisch beobachtet. Dann will er keinen Schritt tun. Er sitzt am Computer. Er liest. Er verschwindet unter Kopfhörern in seiner Musik. Eigentlich ist er gar nicht da. Er schweigt. Er will nicht essen gehen, er will nicht ausgehen, er will niemanden treffen. Wir schauen abends einen Film. Wir frühstücken morgens, dann packt er schon wieder, ist mit Bilanzen beschäftigt und weg. Ich bin definitiv nicht schwanger. Nachts betrachte ich den Mann an meiner Seite. Er sieht müde aus, selbst wenn er schläft. Das dunkelbraune Haar ist grau geworden und fällt in eine übel zerknautschte Stirn. Die Augenbrauen wuchern. Unter der Decke wölbt sich ein Geschäftsessenbauch. Er tut mir so leid, dass es schmerzt.
Nacht zum Mittwoch, dem 23.01.
Mein Mann hatte ein paar Tage frei. Am Samstag Abend kamen zum ersten Mal seit langer Zeit Freunde zu uns. Meine beste Freundin Karen und ihr Mann. Karen und ich kennen uns aus dem Sandkasten, wo wir vor über vierzig Jahren in wilder Entschlossenheit unsere Kuchenförmchen verteidigten. Karen darf alles zu mir sagen. Was sie prompt tat: Ich hätte sehr zugenommen und ich fräße – ja, wirklich fräße – wie … Hör auf, sagte ich.
Ich denke eigentlich ständig an Essen. Egal, in welcher Form. Fleisch, Schokolade, Grünzeug. Ein Nagen und Knurren in meinem Bauch, blanke Gier, die mich beherrscht. Beim Aufräumen nach dem Besuch habe ich mich dabei ertappt, wie ich völlig hemmungslos die fetten Hautreste der Gänsebrust von Karens Teller verschlang. Inzwischen sitzen selbst meine ehemals weiten Blusen bedenklich straff. Hauteng geht gar nicht mehr, sieht aus wie eingesperrte Leberwurst. Und mein liebster Ehemann, als würde er nach dem dritten freien Tag endlich zu sich kommen, sah mich erstaunt an und meinte, ich wäre ja dick geworden. Er verwendete das Wort „drall“. Und ergänzte leise, wie anerkennend: Du platzt ja aus allen Nähten. Und er sprach weiter: Komm her, diese Fülle muss ich doch mal anfassen und genauer untersuchen. Die Untersuchung ist ganz zur beiderseitigen Zufriedenheit ausgefallen. Ich plage mich nicht mit Fastenkuren. Ich kauf mir neue Klamotten.
Nacht zum Donnerstag, dem 14.02.
Es war eine Eintagsfliege. Die letzten Wochenenden verliefen wieder wie vorher. Ich bin nicht böse darüber, ich fühle mich viel zu träge. Wenigstens habe ich mich neu eingekleidet und trage nun die Größe 44-46 statt der 36-38. Leider gibt es für Damen keine Bauchgrößen, mein Busen ist nicht mitgewachsen – ich sehe aus wie eine Tonne. Oberschenkel und -arme sind ebenfalls bemerkenswert fleischig. In meinen Sofanächten fasse ich immer wieder gute Vorsätze, aber dann kann ich mich nicht überwinden, tatsächlich irgendeinen Sport zu betreiben. Oder meine Gier nach Essen zu bezwingen. Ich kann mich überhaupt zu nichts aufraffen. Nur äußerste Selbstdisziplin (gelobt sei die klassisch-preußische Erziehung) lässt mich funktionieren. Die Morgenschwere wächst sich zu einer Tagesschwere aus.
Ich habe beschlossen, zu meiner Hausärztin zu gehen. Ich muss endlich mal wieder schlafen.
Dienstag, 19.02
Meine Hausärztin Frau Dr. Heide, etwas über fünfzig, schmal, leicht gebeugt, raspelkurzes graues Haar, schnittige, karmesinrote Lesebrille, über deren oberen Rand hinweg sie mich mit ihrem melancholischen graublauen Blick besorgt ansah, fragte mich nach Unlust- und Schwindelgefühlen – die konnte ich bejahen - verschrieb mir Zolpidem, wies mich darauf hin, dass dieses Mittel, obzwar kein Benzodiazepin, nach langer Einnahme eine Abhängigkeit hervorrufe, dass ein Schlafmittel keine Lösung sei, und schickte mich zu einem Psychiater. Ich versuche derzeit, einen Termin zu bekommen, das heißt, dass ich mit Anrufbeantwortern und Besetztzeichen telefoniere.
Donnerstag, 28.02.
Meine nächtliche Schlaflosigkeit versetzt mich tagsüber in einen somnambulen Zustand, ich bewege mich gefährlich nahe am Rande der Zurechnungsfähigkeit. Nach der Arbeit falle ich in einen komatösen Tiefschlaf, der durch nichts zu verhindern ist. Danach kann ich konzentriert und zügig die anstehenden Vorbereitungen erledigen, aber wieder nicht schlafen – es ist eine Endlosspirale. Letzte Woche habe ich also klein beigegeben und die mir verordneten winzigen ovalen Pillen aus der Schachtel genommen. Vorher hatte ich misstrauisch alle möglichen Informationen im Internet studiert. Man starb offenkundig nicht daran. Aber man warnte vor der unmittelbaren Wirkung des Medikaments und seinem muskelentspannenden Potential. Also schluckte ich eine Tablette bereits im Bett sitzend. Dann legte ich mich hin und wartete auf den Schlaf. Der nicht kam. Auch am nächsten Abend nicht. Und auch am übernächsten nicht. In der Nacht zum Sonntag bin ich wieder spazieren gegangen. Die Straßen sind leer. Die Wolfsstunde. Ich bin ganz allein und genieße den Hall meiner Schritte auf dem dunklen Asphalt. Bisweilen sehe ich in eines der seltenen erleuchteten Fenster, betrachte die Lampen, die sichtbaren Rudimente von Bücherregalen oder Bildern. Inzwischen wage ich mich in die dunkle Gartenanlage und in einer Vollmondnacht auch in den noch dunkleren Park neben unserem Viertel, wo man gut den Sternenhimmel bewundern kann.
Nacht zum Sonnabend, dem 09.03.
Gestern begab sich mein Mann zum Schlafen ins Gästezimmer. Er habe eine leichte Erkältung und wolle mich nicht mit etwaigem Husten stören. In Wirklichkeit hatte er sich den Wecker gestellt, um mir heimlich einen Blumenstrauß und eine Schachtel Pralinen hinzustellen. Frauentag. Er wurde also wach, die Tür zum Schlafzimmer stand offen und ich war nicht da. Mein Mantel und meine Schuhe fehlten auch. Kurzentschlossen begann er unseren üblichen Spazierweg abzulaufen. So begegneten wir uns weit nach Mitternacht auf dem stockdunklen Weg zwischen den Schrebergärten. Ich sah ihn schon von weitem und winkte, aber er reagierte erst, als er nur noch wenige Meter von mir entfernt war. Seine Augen scheinen sich doch sehr verschlechtert zu haben. Er will davon nichts hören und sträubt sich stur gegen einen Arztbesuch. Angeblich sieht er in der Ferne immer noch über hundert Prozent. Ich hätte ihn vorher noch gar nicht erkennen können, behauptete er. Vielleicht sei ja auch der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen, fügte er schelmisch blinzelnd hinzu, als Frau so allein in der Nacht. Überhaupt sei das doch ganz schön leichtsinnig, versuchte er vom Thema abzulenken. Ich diskutierte nicht mit ihm. Es belastet ihn schon hinreichend, dass er eine Lesebrille tragen muss – die er ständig vergisst, sodass ich ihm vorlesen muss. Was ihm dann peinlich ist. Wenn er nun auch in der Ferne schlechter sieht, wird das ein großes Drama. Ich trage seit zwei Jahren eine, mir macht das nichts aus, obwohl ich nun zwischen der Brille für die Nähe und der für die Ferne wechseln muss, aber ich ahne, wie er sie als Zeichen seines unausweichlichen Alterns sehen und mit ihr hadern wird. Also gab ich zu, dass ich mir nur eingebildet hätte, ihn im Dunkeln in so weiter Entfernung zu erkennen, und wir spazierten friedlich Arm in Arm nach Hause.
Das Zolpidem verfüttere ich nach und nach in Schabefleischbällchen an die Katze. Sie schläft gut und gibt nachts endlich Ruhe.
Montag, 11.03.
Mein Mann fragte mich empört, ob ich allen Ernstes diese Zeilen über ihn und seine Lesebrille veröffentlichen wolle. In diesem sogenannten Blog. Er käme sehr wohl mit seiner Brille klar und er könne überdies in der Ferne alles ausgezeichnet erkennen. Damit ist mit seiner technischen Unterstützung wohl nicht mehr zu rechnen. Vielleicht kann ich einen meiner Schüler bitten?
Gute Nachricht: Ich habe einen Termin bei einem Psychiater.
Montag, 18.03.
Mein sonst so ruhiger, besonnener Mann war wütend. Er spricht dann in schneidendem Tonfall und mit deutlich artikulierender Diktion, als hätte er ein Manifest zu verkünden. Der Ich-bin-der-Chef-Ton. Schlechte Voraussetzung, mich zu irgendeiner Einsicht zu bringen oder mich für irgendetwas zu gewinnen. Wie ich auf die Idee käme, einem Schüler diese so privaten Mitteilungen zugänglich zu machen, empörte er sich. Was diese Schreiberei überhaupt solle. Als ob irgendjemand an einer weiteren Seite über Macken interessiert wäre, die von einer Gesellschaft billigend in Kauf genommen würden, die sich bereitwillig dem Regime einer Kaste ergeben hätte, die Raffgier unter dem Tarnnamen Effektivität zum Leitstern erhebt. Einer seiner Endlossätze. Zeichen großer emotionaler Wallungen. Ich fand die Bezeichnung „Macke“ verfehlt. Was das sonst sein solle, wenn ich nachts herumspaziere oder halbe Nächte auf dem Sofa verbringe, statt einfach mal ins Bett zu kommen, fragte mich mein Mann erzürnt. Ich versuchte es zu erklären. Ich würde mich nur hin und her wälzen. Er meinte, ich könne mich ja mal auf ihn draufwälzen. Ich entgegnete, er würde schon schlafen, wenn ich mich wälzte, und wäre unwirsch, weil er nicht geweckt werden wolle. Woher ich das wüsste, wandte er ein, ich hätte es doch noch gar nicht versucht. Wir schieden nicht in Harmonie. Ich versah meine Aufzeichnungen mit einem Passwort.
Mittwoch, 20.03.
Erster Termin bei meinem Psychiater. Er stellte mir allerlei Fragen und schien alle Zeit der Welt zu haben. Das Internet verriet mir im Vorfeld, dass er über 70 ist, in etlichen Kliniken im In- und Ausland tätig war, den einen oder anderen Lehrstuhl innehatte und nun seit ein paar Jahren eine Praxis für Privatpatienten und Selbstzahler betreibt. Sie befindet sich im Erdgeschoss seines Hauses. Über einen kleinen Flur mit einer Treppe zum Obergeschoss, wo sich offenbar die Wohnräume befinden, gelangt man an einem Ausgang zum Garten vorbei zu einem geräumigen Wartezimmer, in dem neben etlichen Grünpflanzen ein einziger altehrwürdiger Ohrensessel steht – hier wartet wohl nie mehr als ein Patient. Das obligatorische Tischchen mit bunten Zeitschriften fehlt, demzufolge wartet dieser eine Patient wohl auch nie lange. Oder er soll sich in der Wartezeit mit seinem Seelenleben beschäftigen. An den Wänden hängen wie im stets überfüllten Wartezimmer meiner Frau Dr. Heide Landschaftsbilder, allerdings in Wasserfarben, also Aquarelle, signiert, offenkundig vom Professor höchstselbst. Der mir, noch bevor ich mich in dem Sessel niederlassen konnte, die Tür zu seinem Sprechzimmer öffnete und mich als erstes fragte, ob ich einen Espresso mit ihm trinken würde.
Ich muss sehr verbfüfft ausgesehen haben, denn er lachte – ein kleiner, freundlich wirkender Mann, an dem alles rund war: der Bauch, der kahle Kopf, die braunen Augen mit den leicht hängenden Unterlidern, die Brille, die knubbelige Nase. Ohne eine Antwort abzuwarten, reichte er mir ein goldberändertes Mokkatässchen. Während ich vorsichtig an dem tiefschwarzen Getränk nippte, stürzte der Professor seines hinunter und ging meine Papiere durch. Gelegentlich fragte er nach, auf meine Antworten mit einem zufriedenen Hm-Hm-Hm reagierend und sich – was mich irritierte – offensichtlich über den von mir beschriebenen Zustand zu freuen. Als er fertig war, rieb er sich die Hände, stützte sich auf den Armlehnen seines Sessels ab und erhob sich federnd. Er hätte da etwas ganz Besonderes. Da wüssten wir dann gleich, woran wir mit „unseren“ Schlafstörungen wären. Es sei ganz einfach. Er entnahm einem kleinen Karton ein Gerät und sprach dazu bedeutungsvoll raunend und jede Silbe betonend: Ein Poly-som-ni-o-gra-phie-Scree-ner. Ganz modern, fügte er hinzu, sozusagen der letzte Schrei. Kein Schlaflabor mehr – für Privatpatienten. Die Gesetzliche zahle das nicht.
Nun sitze ich auf meinem Sofa und bin mit diesem Gerät an der Stirn, am Kinn, an der Brust und an den Beinen verkabelt. Auf keinen Fall werde ich aufstehen, nicht noch einmal dieser Salat. Alle meine Nachtutensilien stehen bzw. liegen bereit. Thermoskanne, Tablet mit Kopfhörern, Buch, Nofretete. Das Gerät soll mein Schlafverhalten messen. Da bin ich ja gespannt.
Mittwoch, 27.03.
Es kam, wie es kommen musste. Ich hätte ja tatsächlich nicht geschlafen, rief der Professor fast empört aus, kaum dass ich auf dem Stuhl vor seinem Tisch saß. Die Beta-Wellen schnell und niedrig, die Alpha-Wellen überwiegend ruhig und gleichmäßig, geringe Amplitude, hohe Frequenz, der Kiefermuskel tonisch gespannt, aktive Augenmuskeln! Es folgte eine ausführliche Analyse, an deren Ende er meinte, dafür sei er nicht der richtige Mann. Bei diesem abnormalen Schlafverhalten rate er zu einer kognitiven Verhaltenstherapie. Da hätte sich sicher eine tüchtige Portion Schlafangst eingenistet und wahrscheinlich spielte auch die Belastung durch meinen Beruf eine große Rolle, man höre ja so einiges über die heutige Schülerschaft. Er würde mich vorerst aus dem Verkehr ziehen und dann in eine taugliche Klinik einweisen, er wüsste da eine. Wieder raunte er verschwörerisch: Ganz exzellente Klinik. Mitten im Wald. Im Harz, Westharz. Über hundert Jahre Tradition. Experten sozusagen für Insomnie. Das würde schon klappen. Er leite alles in die Wege. Dann langte er in das Regal hinter sich, gab mir eine Schachtel Mirtazapin und ein Papier mit den Grundregeln der Schlafhygiene, welche er dringend empfahl einzuhalten. In einer Woche wolle er mich wiedersehen.
Die Rechnung für die Polysomniographie betrug schlappe 1800 Euro.
Freitag, 29.03.
Ich habe eine neue Gleitsichtbrille – und sie taugt nichts. Am Montag beim Optiker schien mir, sie sei gut gelungen, sowohl die kleinen Buchstaben vor meiner Nase als auch die großen auf der anderen Straßenseite konnte ich deutlich erkennen. Ich war so froh, nun nicht mehr zwischen den beiden Brillen wechseln zu müssen! Übers Wochenende wollte ich mich an die übergangslosen Gläser gewöhnen, weil die Kollegen gewarnt hatten, manchmal könne es einen ein wenig schwindeln, deshalb solle man es langsam angehen. Ich setzte also eben die Brille auf – aber die Buchstaben verschwimmen. Ich sehe eigentlich weder in der Ferne noch in der Nähe klar und muss die Augen zusammenkneifen, um zu erkennen, was ich schreibe. Noch ein Ärgernis mehr! Oder bin ich einfach übermüdet? Nächster Versuch morgen, eine Chance gebe ich der Brille noch, sie war teuer genug.
Mittwoch, 03.04.
Am Tag darauf probierte ich die Brille erneut aus. Nun konnte ich überhaupt nichts mehr erkennen, nur Schemen, vage Umrisse. Ich war schwer verärgert und griff nach meiner Tasche, um sofort den Optiker aufzusuchen und ihm die Leviten zu lesen, immerhin hatte die Brille 845 Euro gekostet. Die Tasche lag auf der Mappe mit meinen Klausuren. Darauf hatte unser Oberstufenleiter in seiner krickligen Handschrift Jahrgang, Fach, Kurs und meinen Namen vermerkt. Und – ich begriff es nicht sofort – ich konnte diese winzigen Buchstaben lesen, diese Krakel, für die er ständig gerügt wurde. Nicht nur erkennen und erraten, was dort stand, nein, ich sah klar und deutlich jeden einzelnen Anstrich, jede einzelne Ziffer, sogar die I-Punkte. Ohne Brille. Erstarrt mitten in der Bewegung ließ ich meinen Blick im Zimmer von oben nach unten, von rechts nach links wandern. Klare Bilder. Lesbare Buchtitel. Sogar ganz oben im Regal: Richard Stark – weiß auf schwarz, das konnte ich bisher aus dieser Distanz nie entziffern. Staubflusen in einer Ecke. Draußen vor dem Fenster die einzelnen Blätter und Blüten des Apfelbaums. Ein Astloch. Ich musste mich setzen.
Bis heute ist es dabei geblieben: Ich kann alles sehen. Meine neue Brille ist überflüssig. Die ganze Sache ist überaus rätselhaft. Im Internet fand ich nichts über Spontanheilung bei Kurz- oder Weitsichtigkeit. Augentraining habe ich weder bewusst noch unbewusst betrieben. Ich ahnte vorher nicht einmal, dass es das gibt. Ich glaube, ich werde dieses Wunder einfach hinnehmen und es mit niemandem teilen. Wer weiß, welche Untersuchungen man an mir vornehmen würde. Selbst mein Mann glaubt, ich hätte mich lasern lassen. Ich kann ihm nichts sagen, er hat einfach zu viel mit Medizinern zu tun. Er fragte auch nicht weiter nach, bei welchem Arzt ich gewesen wäre und warum ich mich nicht mit ihm beraten hätte, wo er doch alle Kontakte hätte und wüsste, zu wem man wann am besten ginge. Das tut er sonst, wenn ich zu einem Arzt muss. Als ich vor Jahren an der Schulter operiert werden sollte, ging er seine Listen durch, telefonierte einen halben Tag und schickte mich dann zu irgendeinem Wunderheiler nach Leipzig. Ich werde dafür ewig dankbar sein, denn die OP erwies sich als unnötig. Deshalb war ich überrascht – ich sah ihn nur an und bat ihn, mir tief in meine nun gelaserten Augen zu schauen, und er nickte bloß, lächelte und begnügte sich damit. Er fragte nicht einmal nach, ob ich gut zurechtkäme, die Stärke richtig sei oder Ähnliches.
Ich komme wunderbar zurecht. Nur beim Blick in den Spiegel wünschte ich häufig, ich wäre wieder kurzsichtig. Besonders morgens.
Mittwoch, 24.04.
Wieder eine der Espressostunden beim Professor. In den bisherigen fünf Sitzungen fragte er mich meine gesamte Biografie ab, beginnend mit dem Kleinkindalter bis in mein aktuelles Berufs- und Sexleben. Auf der Suche nach tiefenpsychologschen Ursachen für meine Schlafstörungen, wie er sagte. Ein Sexleben existiert durchaus. Ich ertappe meinen Ehemann bisweilen dabei, wie er mich versonnen und ein wenig erstaunt betrachtet. Als wolle er sich vergewissern, dass das, was er da sieht, auch echt ist, greift er dann zu und zieht mich ins Bett oder aufs Sofa, neulich sogar auf den Teppichboden. Ich hingegen betrachte mein Spiegelbild um einiges weniger wohlwollend: Ich glaube, ich muss mich schon wieder neu einkleiden. Jetzt Kleidergröße 50. Wenigstens passen die Schuhe noch.
Mittwoch, 08.05.
Die Besuche beim Professor sind momentan die Höhepunkte meines Lebens. Mein Ehemann weilt für drei Wochen am Stück im Ausland. Die Klausuren, die ich natürlich trotz Krankschreibung korrigiert habe, sind durch. Der Prof rügte mich dafür: Die Schatten unter meinen Augen, mein ständiges Bedürfnis zu essen – deutliche Signale für Stress. Ich brauchte meine Kräfte zur Gesundung, ich müsste Ruhe finden, mir Zeit nehmen. Die Jahre mit diesen Horden von Jugendlichen im Klassenraum, das würde längerfristig an mir zehren. Ich kann das nicht bestätigen, ich fand meine Schüler nie besonders anstrengend. Allerdings weiß ich von Kollegen, dass die Ruhe, die in meinem Unterricht herrscht, wohl nicht die Norm ist. Wenn ein Schüler unruhig wird, gehe ich in der Regel zu ihm hin, sehe ihn an und sage, was ich erwarte. Manchmal lege ich ihm auch noch beruhigend die Hand auf die Schulter. Funktioniert. Schreien finde ich lächerlich. Disziplinarmaßnahmen wie Einträge an die Eltern lästig. Aber wie der Herr Professor meint. Ich habe keine Lust auf Diskussionen.
Zu Hause döse ich auf dem Sofa vor mich hin und versuche mich daran zu gewöhnen, dass es nichts Wesentliches zu tun gibt. Ich habe noch nicht entschieden, ob mir das guttut. Während der Arbeit musste ich mich zusammenreißen und konnte mit der zeitweiligen Benommenheit, die mich tagsüber befällt, relativ gut umgehen. Vor mir lag in greifbarer Nähe das Ziel: der komatöse Nachmittagsschlaf. Jetzt fehlt der äußere Zwang und ich falle tagsüber immer wieder in einen Tiefschlaf. Der Prof riet mir, meine Träume aufzuschreiben. Ich finde das nicht lustig.
Mittwoch 15.05.
Der Professor beobachtete, wie ich sein Grundstück durch die hintere Gartenpforte betrat. Ein schmaler Plattenweg führt durch die Gemüsebeete und über eine Wiese zum Hausflur, von dem aus man das Wartezimmer erreicht. Normalerweise gehe ich durch die Vordertür, aber dazu muss man das Grundstück umrunden und ich war spät dran, deshalb nahm ich ausnahmsweise die Abkürzung. Der Prof fand das interessant und verwickelt mich in ein Gespräch über mein Verhältnis zu Autoritäten und Verboten. Denn an der Pforte hinge schließlich ein kleines Schild: Privat. Was für Patienten doch ein klares Signal dafür sein sollte, dass sie dort nichts verloren hätten. Ich bat um Entschuldigung, aber er freute sich über den Verstoß und legte mir seine Theorie dar: Seiner Ansicht nach hätte ich mich ein Leben lang Vorschriften und Verboten beugen müssen, wäre immer Autoritäten unterstellt gewesen, wie von mir selbst bereits im Zusammenhang mit dem frühen Aufstehen geschildert. Dieser beständige Zwang könnte in mir Reaktionen ausgelöst haben, die meine Schlafstörungen zur Folge hatten. Deshalb tue ihm im Nachhinein leid, mir die Grundsätze der Schlafhygiene nahegelegt zu haben, weil diese ja erneute Vorschriften seien. Und es wäre ein positives Zeichen, dass ich dieses Verbot an seiner Gartentür ignoriert habe, ein Zeichen, dass meiner Schlaflosigkeit beizukommen sei. Er wäre sicher, dass die Therapeuten der Klinik mir dabei helfen könnten, nun, da wir das grundlegende Problem erkannt hätten.
Was ich dem Prof nicht sagte: Ich hatte dieses Schild gar nicht gesehen.
Donnerstag, 23.05.
In zwei Wochen werde ich in der Klinik erwartet! Alle Instanzen haben zugestimmt. Die Frau von der Beihilfe reagierte zögerlich auf meinen Antrag, sie schrieb, ich könne doch ebenso gut in eine Klinik in der Nähe gehen, zum Beispiel nach Pulsnitz. Ich suchte sie persönlich auf und war wohl sehr überzeugend – sie sagte nach gefühlt zwei Sätzen zu.
Im Internet sieht man ein Jugendstilgebäude umgeben von einem weitläufigen Park. Der Rhododendron blüht. Menschen sitzen an kleinen Tischen und essen Kuchen. Im Hintergrund ist eine Liegewiese zu erkennen und Wald. Die Patientenkommentare sind durchweg positiv. Vorsichtig fange ich an, mich zu freuen.
In der Nacht zum Montag, dem 03.06.
Am Tag darauf begannen meine Zähne zu wackeln. Nur ein wenig. Ich spürte, dass sie sich bewegen ließen, und hatte den Eindruck, es sei besser, Äpfel zu zerschneiden, statt einfach hineinzubeißen. Ich haderte mit meinem Schicksal. Dass die Paradontose so schnell fortschritt! Eigentlich wollte ich sofort zu meiner Zahnärztin, alle Zähne ziehen oder einzementieren oder irgendetwas tun lassen, aber – Freitag und anschließend Urlaub.
Der erste Zahn fiel aus und ich war am Boden zerstört. Wieder und wieder betrachtete ich mich im Spiegel und versuchte mich zu beruhigen: Eigentlich ein ganz passables Gebiss, nur etwas lange Zähne wegen des zurückweichenden Zahnfleischs. Die Lücke fiel gar nicht auf, es fehlte ein linker Backenzahn, der Drei-Sieben. Ich würde es bis zum Urlaubsende ertragen können. Selbst mit wackelnden Zähnen. Einen Tag nach dem Unglück erblickte ich mit meinem neuen scharfen Blick etwas Weißes im Zahnfleisch an der leeren Stelle. Es sah aus wie früher die nachwachsenden Zähne meiner Tochter, nachdem sie ihre Milchzähne verloren hatte. Ich dachte an meine wundersam geheilten Augen, zweifelte an meiner Wahrnehmung, an mir selbst, am Spiegel, überschlief das Ganze – ohne Resultat, auch am nächsten Tag war alles noch genau so: Ich konnte sehen ohne Brille und in der Lücke zwischen meinen wackelnden Zähnen wuchs offensichtlich ein neuer. Seither habe ich zehn Zähne verloren, fünf sind bereits vollständig nachgewachsen. Mitnichten werde ich zu einem Arzt gehen. Sie wachsen und sitzen fest und ich kann prima damit beißen und kauen, ich werde gar nichts unternehmen!
Mittwoch, 12.06.
Vorgestern in der Klinik angekommen. Der Abschied von meinem Ehemann fiel mir schwerer als sonst und auch er drückte mich lange an sich.
Mein Zimmer ist wunderbar: ein breites Bett, ein runder Tisch mit zwei Sesseln, vor dem Fenster ein hübscher kleiner Sekretär mit Blick auf den Wald. In der Ferne sieht man den Brocken. Mir steht ein eigenes Wannenbad mit einer ganzen Batterie von Flaschen mit Lavendel-, Hopfen- und Baldrianbadezusätzen zur Verfügung. Gestern wurde ich vermessen und gewogen und heute saß ich zum ersten Mal der mich betreuenden Ärztin gegenüber. Eine Frau Ende Fünfzig mit vollem dunklen Haar, das sie locker hochgesteckt trägt. Ihr Gesicht ist schmal und länglich, die ungezupften Augenbrauen wachsen über der Nasenwurzel zusammen. Helle Augen. Ein freundliches Charaktergesicht. Eine dunkle, sanfte Stimme. Zunächst Smalltalk, wie mir mein Zimmer gefiele, die Umgebung, das Essen. Und dann fragte sie mich, warum ich in dieser Klinik wäre. Sie kenne natürlich die Gutachten meiner Ärzte, aber sie wolle gern meine Sicht der Dinge hören. Ich schilderte meine Schlafprobleme, worauf sie wie der Professor mit dem offenbar in ihrer Berufsgruppe üblichen Hm-Hm-Hm reagierte. Und sonst, fragte sie. Ich schwieg verdutzt. Reichte das nicht? Da sei gewiss noch mehr, sagte sie. Ich gab zu, deutlich zu viel zu essen. Aber eigentlich ginge es mir nur um das Schlafen. Sie lächelte wieder. Darüber würden wir noch reden. Aber vor allem über das bisher Ungesagte. Zunächst solle ich mich einleben, an den Therapien teilnehmen, die Mahlzeiten genießen, sie hätten sehr gute Köche, dann würde sich alles finden. Ich sollte essen? Ich sah auf meinen stattlich runden Bauch hinunter. Ob ich ein Problem mit meinem Körper hätte, fragte sie sofort. Naja, meinte ich. Meinem Mann gefalle er. Und Ihnen, hakte sie nach. Ich zuckte mit den Schultern. Dann müsse ich wohl mal in Ruhe darüber nachdenken, was mir selbst gefalle und nicht jemandem anderen. Und ja, natürlich solle ich essen. Aber keinen Nachschlag nehmen, sie zwinkerte mir zu. Das Dessert auch, fragte ich. Unbedingt, sie sah mich belustigt an, das ist zwingend! Wie der Nachmittagskaffee und der selbst gebackene Kuchen, den sollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen, auch wenn er nicht inklusive sei. Sie lachte. Alles würde gut werden. Mehr Zuversicht! Dann war ich entlassen.
Donnerstag, 20.06.
Das Einleben ging schnell, nur in den Gängen dieses verwinkelten Jugendstilgebäudes verlaufe ich mich noch immer. Die verordneten Therapiestunden gefallen mir. Ich kann es noch immer nicht glauben, aber ich bastele gern. Ich habe mit Hingabe einen Traumfänger geflochten. Mit Federn, Perlen und allem Schnickschnack. Erstaunlicherweise kann ich auch malen. Tanzen kann ich nicht, aber es gibt keine Spiegel im Tanzraum und es macht Spaß. Beim Walken komme ich schnell aus der Puste, von meiner früheren Kondition – also von der von vor drei Jahrzehnten – scheint nichts mehr übrig zu sein. Ich ließ mich zurückfallen und fand dort, wo der Wald in den Park übergeht, ein besonders schönes Plätzchen. Eine hinter Sträuchern versteckte Bank unter einer knorrigen Eiche. Ein Ort, an dem ich Ruhe finde und mich ohne Atemnot entspannen kann. Besser geht das isometrische Training. Sport, ohne sich zu bewegen – genau das Richtige für mich! Ich sollte auch zu den Therapiepferden, aber die Stute, die frei war, mochte mich nicht. Sie wich mir aus, tänzelte und schnaubte, sobald ich mich ihr näherte. Die Therapeutin meinte, das gebe es manchmal, auch mit Pferden müsse die Chemie stimmen. In einer Woche kann ich es mit einem anderen Tier versuchen.
Das Essen ist so gut, dass ich mich zügeln muss, wer hätte das erwartet. Gutes Essen in einer Klinik. Nicht, dass ich mich zügeln muss.
Dienstag, 25.06.
Das Walken in der Gruppe geht mir ziemlich auf die Nerven. Die Frauen müssen ununterbrochen reden. Dabei missachten sie die geltende Regel, nicht über die Probleme, die zum Aufenthalt in der Klinik geführt haben, zu sprechen. Von der einen musste ich mir ihre Scheidungsgeschichte schon so oft anhören, dass ich beginne, ihren Mann zu verstehen, und auch die wortreiche Trauer der Witwe kann ich bei allem Mitgefühl nicht mehr ertragen. Ich bin schnaufend vorausgewalkt und auf einem Umweg zu meiner Bank spaziert.
Mittwoch, 26.06.
Mit dem anderen Pferd lief es gut. Ich dachte mir, was bei Katzen klappt – dieser Blick in die Augen mit einem vorsichtigen Blinzeln – könnte auch bei Pferden funktionieren. Also sah ich dem Tier in die Augen und streichelte seine Nüstern. Es hielt still und ließ sich von mir striegeln. Es gibt einen weiteren Grund zur Freude: Ich habe abgenommen. Drei ganze Kilo. Ein paar Tage ohne den üblichen Hunger wirken Wunder. Anita, wie ich meine Ärztin in Gedanken nenne, freute sich mit mir. Ob das die Umgebung macht? Dass der Magen nicht mehr knurrt?
Dienstag, 09.07.
Seit etwa zehn Tagen kein Hunger mehr. Ich streiche um das Morgenbuffet und nichts weckt mein Verlangen. Eigentlich kein Grund zur Sorge. Ich habe zwar abgenommen, aber es sind ja noch genug Reserven um meine Mitte verteilt. Trotzdem bin ich etwas beunruhigt. Ich mochte heute nicht einmal mein Lieblingsessen anrühren, Zitronenspaghetti. Es roch lecker nach Thymian, Rosmarin, Chili, ein wenig Knoblauch. Gestern den wunderbar buttrigen Kartoffelbrei, den sie hier machen, konnte ich auch nicht essen, obwohl ich den so liebe. Ich breitete verschämt meine Serviette über den Teller, damit niemand sah, dass ich schon wieder eine fast unberührte Mahlzeit in die Schweinetonne gab.
Montag, 15.07.
Jetzt geht das schon gut zwei Wochen so. Kein Appetit. Nicht einmal ein Appetitchen. In der Therapiestunde beschwichtigte mich Anita – sie habe heute auch eine Mahlzeit ausgelassen, das sei durchaus gesund. Offenkundig log sie, um mich zu beruhigen. Ich roch an ihr deutlich den pfeffrigen, leicht zimtigen Geruch des Linsencurrys, das es gegeben hatte. Ebenso den des Himbeersorbets. Als ich ihr in die Augen sah und meinte, sie solle doch bitte nichts erfinden, gab sie es zu. Trotzdem sei es nicht besorgniserregend. Vielleicht meine persönliche, etwas getrübte Wahrnehmung. Nach zwei Wochen ohne Nahrung würde ich ganz sicher ganz anders aussehen. Ich beließ es dabei.
Freitag, 19.07.
Ich hatte ein Gespräch mit dem Chefarzt der Klinik. Es ging um die Verlängerung meines Aufenthalts. Die Beihilfestelle hat sich noch nicht geäußert, aber er machte mir Mut, das gehe eigentlich immer in Ordnung. Das Gespräch war merkwürdig. Er fragte mich nach dem Stand meiner Gewichtsreduktion, ob mein Muskeltonus sich verbessert habe, nach meinem Geruchssinn. Kein Wort über die nach wie vor bestehenden Schlafstörungen, wegen derer ich doch hier bin. Als ich das ansprach, winkte er nur beschwichtigend ab – das finde sich. Ich solle einfach schlafen, wann immer es mich überkomme. Ich würde doch hoffentlich nicht heimlich Schlafmittel nehmen? Er wollte dann aber doch wissen, ob ich während meiner Wachphasen tagsüber zielgerichtet agieren und an den Therapien teilnehmen könne. Ich nutzte die Gelegenheit, um eine weitere Tanztherapiestunde zu bitten. Er lachte und meinte, er werde sehen, was sich einrichten ließe, und ich solle nicht so gucken, das wirke bei ihm nicht. Wie, bitte, schaue ich denn?
Beim Verlassen seines Büros hörte ich noch, wie er am Telefon zu jemandem sagte, ich sei definitiv noch nicht bereit. Wenn der Chefarzt selbst das sagt, dann muss es ja klappen mit der Verlängerung.
Mittwoch, 24.07.
Die Zusage der Beihilfestelle ist da! Der Chefarzt teilte es mir persönlich mit. Beglückt lief ich los in mein Zimmer, um sofort meinen Mann anzurufen, da ertappte ich mich dabei, dass ich die Treppen hinauf eilte, ohne die gewohnte kleine Verschnaufpause im zweiten Stock einlegen zu müssen. Ich kam nicht einmal ansatzweise außer Atem. Am Nachmittag beim Walken separierte ich mich wieder von der Gruppe und lief probehalber zügig ohne die Stöcke los. Es funktionierte! Ich rannte eine kurze Strecke. Wunderbar. Ich hüpfte ein paar Mal. Auch das ging. Außerdem sind meine Hosen zu weit. Nicht nur die. Ich glaube, ich bin auf dem Weg zu meiner alten Konfektionsgröße. Wie schade, dass ich damals in einem Anfall von Verzweiflung meine Kleider entsorgt habe. Genauer: vor Wut zerrissen und weggeworfen.
Montag, 05.08.
Ich darf noch drei Wochen hier bleiben. Ich sei auf einem guten Weg, diesen Prozess wolle man auf keinen Fall unterbrechen. Der Chefarzt war, glaube ich, persönlich bei der Krankenkasse und der Beihilfestelle. Allerdings hat er den Besuch meines Mannes nicht gestattet. Keine Abweichungen von der Routine. Dabei hatte ich mich so darauf gefreut. Er wird staunen, wenn ich dann nach Hause komme. Mein Körper ist wieder schlank und fest. Beim Laufen wackelt nichts unangenehm. Das Lipom auf dem Oberarm, das ich immer versteckt hatte, wurde ganz breiig weich und verschwand schließlich. Hoffnungsvoll beobachte ich meinen Hals, allein die dortige Schlaffheit bleibt unverändert, ebenso die Fältchen um meine Augen, die ausgeprägte Stirnfalte und die Linien zwischen Nase und Mundwinkel. Ich schlafe noch immer nicht in der Nacht, aber wenn ich mich über Mittag hinlege, bin ich sofort weg und wache nach etwa vier Stunden wieder auf, das scheint zu genügen. Dann ist es eben so. Ich bin zwar vormittags nicht in bester Form, aber es reicht, um den Tag zu bewältigen. Nur das Essen macht mir Sorge. Anita fragte beim Chefarzt sogar wegen künstlicher Ernährung an. Der übernahm daraufhin persönlich meine Psychotherapie und versuchte, mich mit diffusen Stoffwechselerklärungen zu beruhigen, ich solle abwarten, bis sich mein Körper nimmt, was er braucht. Ich habe beschlossen, ihm zu vertrauen, obwohl mir seine Erklärung nicht einleuchtet. Ich glaube manchmal tatsächlich wieder ein leises Hungergefühl wahrzunehmen, also den Hauch eines Gelüsts.
Anita grüßt mich immer freundlich, wenn wir uns begegnen, aber so distanziert, als würden wir uns gar nicht kennen. Wahrscheinlich hat sie Ärger bekommen. Künstliche Ernährung würde ja dem gesamten Konzept des hiesigen Therapieansatzes widersprechen.
Mittwoch, 14.08.
Jetzt geht das wieder los – und noch schlimmer. Ich habe Hunger. Richtigen Hunger. Er treibt mich um. Er kommt in Wellen, zuerst ein Knurren, dann ein schmerzvolles Ziehen, schließlich ist mir so, als würde mein Magen brennen – und dann lässt das Gefühl nach und alles beruhigt sich wieder. Bis es von vorn losgeht. Ich streiche bereits eine halbe Stunde vor dem Essen um den Eingang zum Speisesaal herum. Ich atme die Düfte ein, spüre den Speichel im Mund zusammenlaufen – und dann kann ich nichts essen. Ich bringe es einfach nicht hinunter. Das Einzige, was geht, ist Tomatensaft. Soll ich mich jetzt von Tomatensaft ernähren? Ich muss wohl einen anderen Arzt befragen.
Nacht zum Sonnabend, 17.08.
Keiner der Ärzte hatte Zeit für mich. Als hätten sie sich gegen mich verschworen. Oder als wären Chefarztpatienten tabu. Vielleicht auch leprös. Ich verfluche dieses ignorante Pack!
Sonntag, 18.08.
Inzwischen spüre ich den Hunger nicht mehr. Ein Gefühl von Leichtigkeit hat mich erfasst, nicht unangenehm. Ich schwebe. Allerdings schwindet meine frisch erworbene Kondition.
Montag, 19.08.
Heute ließ ich das Abendessen aus – es ist komplett sinnlos für mich, in den Speisesaal zu gehen. Missmutig spazierte ich später am Abend – besser: schwebte oder glitt – zu meiner Bank, um in Ruhe darüber nachzudenken, wie es denn mit mir weitergehen könnte. Die Nachtschwester sah mich gehen, sagte aber nichts. Bestimmt rief sie gleich den Chefarzt an. Das war mir egal. Sollten sie mich doch suchen. Vielleicht würde sich dann endlich eine dieser Koryphäen meiner erbarmen.
Ich saß lange auf meinem Lieblingsplatz. Kein Mond. Leise rauschte das Laub der Eiche. Eine verspätete Nachtigall schmetterte ihre Koloraturen. So friedlich war die Nacht. Da drang ein Geruch in meine Nase. Ein leiser Hauch von frischem Schweiß. Von männlichem Schweiß. Ein wenig After Shave, Tabak Original. Dazu eine leichte Rauchwolke, Gauloises, die verflog schnell. Dann erkannte ich die Silhouette des dazugehörigen Mannes. Er schlenderte an mir vorbei, drehte sich dann aber nach mir um, zögerte kurz, ließ seine Zigarette fallen, trat die Glut aus und verstaute die Kippe vorbildlich in einem kleinen silbernen Aschenbecher. Dann setzte er sich neben mich. Ziemlich nah, fand ich. Er wandte sich mir zu und betrachtete mich ungeniert, dann fragte er, warum eine schöne Frau wie ich denn um diese Zeit so allein hier säße. Die primitivste Masche, die man sich ausdenken kann. Merkwürdig: Ich spürte keine Angst. Statt dessen ein unbestimmtes, unerklärliches Verlangen. Ich lächelte wohl sogar etwas, denn er schien sich ermutigt zu fühlen. Er rückte noch ein wenig näher und raspelte Süßholz, ich weiß nicht, was genau. Ich war voll und ganz in Anspruch genommen von seinem Geruch. Ich roch saftiges Steak blue, gutes Fleisch, gesund, ich roch Zwiebeln, Pfeffer, ich roch Pilze – keine Champignons, eher Waldpilze, genau: Kräuterseitling. Dazu Petersilie, eine Prise Muskatnuss. Ganz deutlich erstand vor meinem inneren Auge eine deftige Mahlzeit. Dazu ein herbes Bier, die Sorte konnte ich nicht erfassen, aber es passte. Der Zigarettengeruch schmälerte das Ganze etwas. Der Mann rückte so nah an mich heran, dass sich unsere Schenkel berührten, gleichzeitig legte er seinen linken Arm um meine Schulter und zog mich an sich, mit der rechten unter meiner inzwischen zu weiten Bluse am Reißverschluss meiner Hose nestelnd. Ich lauschte seinem Herzschlag und verharrte reglos. Ach, sagte er merkwürdig enttäuscht, wich ein wenig zurück und sah mir in die Augen: Ganz schön kühl die kleine Lady. Ich erwiderte seinen Blick, sog den nun noch intensiveren Duft tief ein, raunte, er solle schön still halten – und dann biss ich zu. Ich musste nicht nachdenken. Es ergab sich ohne Mühe. Seine Arteria carotis communis war einfach wunderbar nah. Ich spürte, wie meine Dreier-Zähne am Ober- und am Unterkiefer sich wie bei einer Schlange aufstellten und ganz von selbst ihren Platz fanden. Das Blut schoss sofort in Stößen in meinen gierigen Mund. Ich saugte mich fest und trank und trank und trank, bis nichts mehr kam – und nichts ging daneben, kein Tropfen. Dann stieß ich den leblosen Körper von mir und rülpste. Und blickte in das Gesicht meines Chefarztes. Oha, sagte er, wir haben wohl ein bisschen übertrieben, nicht wahr? Nun ist er leer. Aber wie es aussieht, sind Sie nun bereit.
Die Legenden sind Märchen. Sie sind alle nicht wahr. Es ist in uns wie der Schmetterling in einer Raupe. Niemand kann es verhindern, niemand kann es beschleunigen, es passiert. Und du kannst von Glück sprechen, wenn es in der Blüte deiner Jahre passiert oder wenigstens im Frühherbst. Mir geschah es im Spätsommer, in meinem achtundvierzigsten Jahr.
Du willst wissen, wie es weitergeht? Schreib mir.